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Smart Home 1998 - Reality Check

Reality Check – Wie wir uns Smart Home im Jahr 1998 vorgestellt haben
Ein Interview mit Claus Wattendrup, Vice President Solar & Batteries bei Vattenfall

Claus Wattendrup

Veröffentlicht am 16.09.2018

Hallo Claus, 1998, also vor genau 20 Jahren haben wir beide als Teil einer Gruppe von 38 Studenten der Technischen Universität Berlin ein gemeinsames Projekt Innovationsmanagement zum Thema SmartHome bearbeitet. Eine Aufgabe bestand in einer Phantasiereise in die Zukunft, in der wir uns vorstellen sollten, wie das Leben im Jahr 2005 in unserer gewünschten Wohnumgebung aussehen könnte.
Dazu sollten wir uns ab dem Betreten des Wohnbereichs Gedanken zum Ablauf und den jeweiligen Interaktionen machen. Das Ergebnis unserer damaligen Überlegungen ist aus heutiger Sicht schon ganz interessant und stellt sich wie folgt dar (Zitat aus unserem Abschlussbericht):

  1. Die Tür- oder Toröffnung findet per Fingerabdruck oder Handy statt
  2. Mein intelligenter Hauswächter begrüßt mich und sagt mir, wer wann angerufen oder an der Haustür geklingelt hat und berichtet mir etwaige besondere Vorkommnisse
  3. Mein Anrufbeantworter spielt mir eine Nachricht von Tante Ilse aus ihrem Urlaub ab, hierzu zeigt er mir die Bilder von ihrem neuen Bekannten (demhingegen wollen wir nicht über ein Bildtelefon mit ihr telefonieren!) Anmerkung: Der Zusatz ist schon ernst gemeint: das Bildtelefon wurde explizit nicht erwünscht
  4. Ich bestimme noch am Eingang, ob ich Essen oder eher Auspannen will: Heute abend habe ich schon etwas früher Hunger
  5. Mir wird berichtet, was im Kühlschrank ist und was bald gegessen werden sollte, der Kühlschrank unterbreitet freundlich ein Rezeptvorschlag, den ich jedoch frei interpretiere und dessen geglückte Verfeinerung ich sofort abspeichere
  6. Während ich koche, wird meine tägliche mail vorgelesen, welche mich über Spielfilmhighlights des Abends, neue Kinostarts und kulturelle Events kurz benachrichtigt; wenn mich etwas interessiert, sage ich „mehr“, wenn nicht sage ich nur „weiter“
  7. Meinem Musikwunsch zum Kochen und Abspannen wird vom Digitalen TV/HiFi-Gerät entsprochen, ich wähle den Titel aus ohne CDs, DATs, MDs oder gar Fernbedienungen zu suchen; zu meiner Musikwahl wurde keine Duftnote gespeichert
  8. Der „Fernseher“ springt ohne Ton an und eine Stimme erinnert mich, daß ich doch normalerweise die „Tagesschau“ schaue, ich habe mich aber entschlossen, beim Essen etwas Musik zu hören und etwas Spannendes zu lesen
  9. Anzumerken ist: Dies ist im Jahre 2005 kein herkömmlicher Fernseher mehr, sondern eine Projektionsfläche mit verstellbarem Beamer, der TV/Video/Computer variabel sichtbar von der Couch oder vom Eßtisch etc. macht
  10. Ich bewege mich mit meinem Essen aus der Küche und mein Haus merkt wo ich mich befinde und es richtet die Beschallung über diverse kleinere Boxen auf mich
  11. Ich besitze eine Fernbedienung für alles wie z.B. ein schnurloses Telefon als ultraleichter Kopfhörer mit Hifi-Qualität bzw. -wenn ich heute noch etwas arbeiten müßte- eine portable Tastatur mit Infrarot-Verbindung
    Anmerkung: Tastatur (oder Handy) als zentrale Bedienerkonsole konnten sich mehrheitlich alle vorstellen, dem hingegen gab es bei der Sprachsteuerung auch Gegennennungen
  12. Das Licht paßt sich meinen Aktivitäten sowie dem Pegel des Außenlicht fließend an, wobei Stimmenpegel und Gerätezustand von Fernseher und der Küchenzeile mit berücksichtigt werden
  13. Ich werde müde und lege mich in das Bett; die Jalousien schließen automatisch
  14. Genauso wie sie sich morgens zum Wecken wieder öffnen: Dann strömt der Duft des Kaffees durch die Wohnung und die Stimme der Frühstücksmoderatorin säuselt im Hintergrund mich in den neuen Tag hinein, bis ich den Bereich im Bad mit Fußbodenheizung verlasse"

Claus, was denkst Du, beim Lesen dieser „Prophezeiung“?

Claus Wattendrup:
Da muss ich schon sehr schmunzeln – ich musste kurz überlegen was DATs oder MDs überhaupt sind. Und in großem und ganzem eine erstaunlich gute Prognose, trotz damals noch fehlender Endgeräte wie Smartphone oder Tablet, die eine einfache Bedienung über einen Touchscreen ermöglichen. Und Musik vom Streaming-Anbieter ohne „Hardware-Medienträger“ gibt es ja tatsächlich spätestens seit dem Start von iTunes im Jahr 2003. Auch die anderen Technologien sind heute tatsächlich fast alle verfügbar.

Wie steht Vattenfall zum Thema SmartHome und was hast Du selbst damit zu tun?

Claus Wattendrup:
Wir bieten unseren Kunden ein komplettes SmartHome Paket an, das je nach Belieben unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Ich bin zwar nicht in diesem Bereich tätig, sondern verantworte das europaweite Solar- und Batteriegeschäft mit dem Fokus auf größere Anlagen, die direkt ans Netzt angebunden oder bei B2B-Kunden installiert werden.  Aber unsere Smart Home Produkte helfen, das Zuhause intelligent und den Alltag bequem zu gestalten. Über die Partnerschaft mit Tink, einem Vergleichsportal für Smart und Connected Home Produkte, bieten wir unseren Kunden auf der eigenen Internetseite eine breite Produktpalette namhafter Markenhersteller zu vergünstigten Preisen an. Das Angebot reicht vom Heizungsregler, über Multiroom-Lautsprecher und WLAN-Lampen bis hin zu Überwachungskameras.

Du bist also jetzt für den Bereich Solar und Batteries bei Vattenfall verantwortlich. Der Wechsel zu erneuerbaren Energien bringt viele Veränderung mit sich und ganz neue Ansätze im Umgang mit Energie. Der Begriff SmartGrid wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Warum braucht es ein smartes Energienetz und hat das nicht auch etwas mit SmartHome zu tun?

Claus Wattendrup:
Ja, hier wandelt sich das ganze System, in der Vergangenheit war die zentrale Energieerzeugung mit überschaubarem Aufwand an den Verbrauch anzupassen. Erneuerbare Energien hingegen sind nur verfügbar, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint und nicht immer dann, wenn der Strom benötigt wird. Neben Speichern braucht es intelligente Stromverteilnetze - das SmartGrid. Auch die Erzeugung wird immer dezentraler und das SmartGrid kennt die dezentralen Verbräuche und die dezentrale Stromerzeugung und regelt diese. Und nicht zuletzt aufgrund von eMobility steigen hier die Anforderungen.

Claus, sicherlich hast Du auch das Buch Blackout von Marc Elsberg gelesen. Darin wird beschrieben, wie das Stromnetz lokal angegriffen wird und in Folge dann in ganz Europa zusammenbricht. Die Auswirkungen sind katastrophal und erst beim Lesen werden einem die vielen Abhängigkeiten einer fehlenden Stromversorgung klar.
Wie schätzt Du diese Gefahr ein und warum brauchen wir uns keine Sorgen zu machen?

Claus Wattendrup:
Also, die Digitalisierung in der Energieversorgung bietet zunächst mal große Chancen, effizienter und intelligenter mit der Ressource Energie umzugehen. Dabei müssen wir natürlich auch eine hohe sicherheit im auge haben. Die Zahl der Hacker-Angriffe nimmt ja insgesamt seit Jahren zu. Es ist daher wichtig, dass unsere Netze und gesamte Energieinfrastruktur höchste Security-Anforderungen erfüllt. Das  Extrem-Szenario von Marc Elsberg halte ich nicht für realistisch, denn durch die zunehmende Dezentralisierung wird ein flächendeckender Black-out immer unwahrscheinlicher.

Wie sieht die Energieversorgung und -verwendung in 7 Jahren aus? Würdest Du dazu bitte eine Prognose für das Jahr 2025 geben.

Claus Wattendrup:
Die Erzeugung wird zunehmend auf erneuerbaren Energien beruhen, nicht zuletzt aufgrund der unglaublich stark gesunkenen Kosten für Wind- und Solarstrom in den letzten Jahren. Wir werden eine zunehmende Elektrifizierung sehen, beispielsweise durch die stark wachsende Elektromobilität, begleitet von den Megatrends Dezentralisierung und Digitalisierung. Kunden werden Strom zunehmend selbst erzeugen und Ihr Haus über SmartHome-Lösungen komplett steuerbar machen. Darüber hinaus werden auch Speicher eine große Rolle spielen, neben Batterien zur kurzfristigen Speicherung denke ich hier vor allem an Power-to-Gas-Lösungen.

 

Claus, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei den zukünftigen Aufgaben.
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Das Interview führte Mark Rüdiger.