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Auf dem Weg zum Onlinezugangsgesetz (OZG) - Digitalisierung föderaler Strukturen

Auf dem Weg zum Onlinezugangsgesetz (OZG) - Digitalisierung föderaler Strukturen
- ein Interview mit Jörg Kremer, stellv. Leiter Aufbaustab FITKO

 

Veröffentlicht am 18.09.2019
Hallo Jörg, Digitalisierung ist in aller Munde und für die Verwaltung wird es mit dem Onlinezugangsgesetz (OZG) sehr konkret. Darin ist eine flächendeckende Digitalisierung der Verwaltung Deutschlands bis 2022 vorgeschrieben. Die digitalen Angebote der Länder und Kommunen sollen über Verwaltungsportale verfügbar sein. Die Nutzung digitaler Prozesse über Portalgrenzen hinweg braucht Interoperabilität und gemeinsames Verständnis zu den Angeboten.

Die FITKO soll auf dem Weg dahin unterstützen.

Jörg Kremer, Fitko

Frage 1: Wer oder was ist die FITKO und wie seid ihr organisiert?

JK: FITKO bedeutet Föderale IT-Kooperation. Wir sind der Unterbau des IT-Planungsrates (PLR) und bilden die Schnittstelle zwischen strategischer und operativer Aufgabenerledigung. Der IT-Planungsrat ist ein Bund-Länder-Gremium, welches die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung übergreifend steuert. Besetzt ist es mit den CIOs des Bundes und der Länder. Die Vertreter der kommunalen Seite nehmen eine beratende Funktion ein. Erwähnt werden sollte, dass der IT-PLR nicht irgendein Gremium ist, sondern im Grundgesetz geregelt ist.
Unsere Aufgabe ist, in aller Kürze, eine koordinierende: Wir kümmern uns um das Management der Produkte des IT-Planungsrates (u.a. FIM - Föderales Informationsmanagement), kümmern uns um Standards im Projektmanagement, begleiten und überwachen die Projekte im Sinne eines Multiprojekt- bzw. Portfoliomanagements. Ferner sind Themen wie IT-Architektur und Umsetzung des Online-Zugangsgesetzes weitere Handlungsfelder. Wir werden das Digitalisierungsbudget bewirtschaften. Und schließlich bündeln wir zukünftig die Aufgaben der Geschäfts- und Koordinierungsstellen unterschiedlicher Gremien, betreiben Kommunikationsarbeit in vielerlei Hinsicht – als Beispiel sei hier nur mal der FIM-Film genannt, den man sich auf unserer Homepage anschauen kann.

Wir fühlen uns (und leben das auch ein wenig) als (Verwaltungs-) StartUp. Wir sind intern nicht wie eine klassische Behörde organisiert, sondern sind ein wenig moderner aufgestellt. Flexibilität und Netzwerken sind zwei wichtige Stichwörter in diesem Zusammenhang.

 

Frage 2: Wie steht es um die Digitalisierung der deutschen Verwaltung im internationalen Vergleich?

JK: Rein statistisch belegt Deutschland beim eGov-Monitor Platz 24 von insg. 26 Plätzen. Ok, wir sind nicht Letzter, aber tatsächlich ist dieser Platz für Deutschland mit all seinen Möglichkeiten doch eher einfach nur schlecht.

Ich denke, Zusammenarbeit ist das eigentliche Thema. Andere Staaten, wie Österreich oder Dänemark, haben hier eine wesentlich bessere Basis der Zusammenarbeit gefunden. Ich weiß, diese Länder sind kleiner und haben z.B. etwas andere Strukturen und haben auch nicht so viele Kommunen. Das kenne ich alles, und ich will auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es geht nur darum, dass diese Länder nicht etwa besser in der Technik oder im Finden von tollen Lösungen sind.
Nein, sind sie nicht.
Stellen wir uns mal vor, was wir alles erreichen könnten, wenn wir ebenen-übergreifend eine effektive Form der vertrauensvollen Zusammenarbeit finden würden. Der Erfolg wäre kaum auszuhalten!

 

Frage 3: Wo gibt es die größten Schwierigkeiten bei der Digitalisierung?

JK: Wie gesagt, wir müssen die Zusammenarbeit untereinander wesentlich verbessern. Und bei der Digitalisierung geht es um eine massive Veränderung – diese muss sinnvoll gemanagt werden, was bislang noch nicht erfolgt ist. Zugegeben, das ist tatsächlich ein sehr dickes Brett, aber nichts zu tun ist eben auch keine Lösung.

Darüber hinaus habe ich manchmal das Gefühl, dass wir gleiche Begriffe verwenden, aber vielfach jeweils etwas anderes darunter verstehen. Das macht die Sache natürlich auch nicht leichter.

Wir müssen unser „Mindset“, wie man neudeutsch so schön sagt, ändern. Alle sprechen von Agilität, User-Zentrierung, wir führen Design-Thinking-Workshops durch, aber das geschieht eben nur punktuell. Das eigentliche Denken und Handeln der öffentlichen Verwaltung hat sich im Wesentlichen kaum geändert. Wenn wir IT-Projekte wie die Abwicklung von Gesetzesvorhaben behandeln, dann kann das nichts werden. Wir müssen den gedanklichen „turn around“ noch schaffen, und das scheint mir das größte Aufgabenpaket von allen zu sein. Hinzu kommt, dass wir das wie gesagt noch nicht begonnen haben.

 

Frage 4: Wie geht die FITKO die Digitalisierung föderaler Systeme an und wie könnt ihr Kommunen und Länder bei der Digitalisierung unterstützen?

JK: Zunächst einmal: Wir sind die einzige Organisation im föderalen Kontext, die keine Eigeninteressen verfolgt. Wir handeln im Auftrag des IT-PLR, und wir sind einzig daran interessiert, gute Lösungen für alle zu produzieren.

Unsere Herangehensweise ist bzw. wird die sein, dass wir ausgehend von einem konkreten fachlichen Problem versuchen, eine geeignete Lösung zu finden. Dabei werden wir grundsätzlich verschiedene Kompetenzen und Perspektiven einholen und mitnehmen.

Perspektivisch werden wir auf Basis einer abgestimmten föderalen IT-Architektur schauen, ob es bereits Komponenten gibt, mit denen ein Problem behoben werden könnte. Falls nicht, werden wir schauen, welche Lösung gut in die Architektur passt bzw. passen könnte.

Den Ländern und Kommunen können wir insofern helfen, als dass eine abgestimmte föderale IT-Architektur helfen kann, Lösungen zielgerichtet bereitzustellen. Unter Lösungen meine ich hier insb. Basiskomponenten, die allen helfen können. Wir können natürlich keine spezifischen Lösungen bauen. Aber das, was im föderalen Kontext benötigt wird, können wir ggf. bereitstellen oder entsprechende Projekte initiieren.

 

Frage 5: Welche Bereiche der Digitalisierung sind am wichtigsten?

JK: Das ist eine gute Frage. Wir haben in Deutschland vom Bund bis in die Kommunen eine sehr heterogene IT-Landschaft. Damit trotzdem alle miteinander kommunizieren können, benötigen wir einheitliche Methoden und Werkzeuge. Die Zeit proprietärer Entwicklungen ist vorbei, wir benötigen Standards, auf die alle bauen können. Ich denke, das ist im Moment einer der wichtigsten Punkte.

Außerdem haben wir bei der Umsetzung des OZG beschlossen, dass wir arbeitsteilig vorgehen wollen. Eine Verwaltungsleistung wird in 16 Ländern oder bei 11.500 Kommunen angeboten – warum sollte sich also jeder selbst überlegen, wie man eine Leistung digitalisiert. Man könnte ja von dem profitieren, was andere entwickeln, und man selbst steuert das bei, was man selbst entwickelt hat. Hier brauchen wir noch eine gute Lösung bzw. ein intelligentes Nachnutzungskonzept. Ein Modell ist schon da, aber wir müssen auch Fragen beantworten, die sich auf die konkrete technische Implementierung beziehen. Nicht jeder kann mit allem umgehen.

 

Frage 6: Was ist eigentlich Deine Motivation für die FITKO zu arbeiten?

JK: Ja – öfter mal was Neues…. Im Ernst: was mich tierisch gereizt hat war die Tatsache, eine Organisation von Beginn an mit gestalten zu können. Wann hat man dazu schon mal die Gelegenheit? Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Organisationen, und da ist dann das Thema erst recht spannend.

Außerdem bin ich immer noch der Meinung, dass wir den Platz 1 im eGov-Ranking erobern können – ich bin der Überzeugung, dass wir das schaffen können. Also ein gewisser sportlicher Ehrgeiz spielt da auch eine Rolle :-)

Und ich wollte einfach mal raus aus einer „normalen“ Behörde und Dinge anders tun – die FITKO bietet dazu prima Möglichkeiten.

 

Frage 7: Wird die FITKO „eingestampft“, wenn das OZG greift?

JK: Kurze Antwort: Nein! Wenn das OZG greift, also selbst wenn am 31.12.2022 alle Verwaltungsleistungen digital angeboten werden können, ist gerade mal der Anfang gemacht. Es wird dann weiterhin sehr viel zu tun geben. Und Du weißt, wie das ist: In der IT dreht sich die Welt ein wenig schneller, und kaum ist man mit dem einen fertig, ist das andere schon wieder veraltet, und schon hast du ein neues Projekt…

 

Zur Person:

Jörg Kremer hat u.a. Public Management studiert und ist seit 25 Jahren in der öffentlichen Verwaltung tätig. Irgendwann hat er seine Passion im Projektgeschäft gefunden und einige IT- und Organisationsprojekte geleitet. Neben seinem Hauptberuf hat er eine Ausbildung zum systemischen Organisationsberater absolviert und einige Organisationen erfolgreich in Veränderungsprozessen, Teambuilding und Konfliktmanagement begleitet und beraten.

 

Jörg, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Föderale IT-Kooperation. Gern werden wir vor dem 31.12.2022 noch einmal nachfragen und uns über schon erzielte Ergebnisse berichten lassen.

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Das Interview führte Mark Rüdiger.